Geschichte der Auswanderung

Südoldenburgs Anteil an der Amerika-Auswanderung


-Vortrag von Franz-Josef Tegenkamp, Lohne vor der Oldenburgischen Gesellschaft für Familienkunde in Oldenburg-
Wiedergegeben von Wolfgang Büsing in der Nordwest-Zeitung vom 17. Mai 1997
Ergänzungen von Werner Honkomp, Oldenburg*


Auswanderung ist nicht erst ein Vorgang der Neuzeit, sondern so alt wie die Menschheitsgeschichte. Von vorgeschichtlichen Wanderungsbewegungen einmal abgesehen, finden wir in unserem Raum bereits im 5. Jahrhundert Abwanderungen nach Britannien. Ebenso basiert die deutsche Ostkolonisation während des Mittelalters auf auswanderungswilligen Siedlern auch aus unserer Landschaft.
Im 16. und 17 Jahrhundert richtete sich der Blick wieder nach Westen. Um den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen zu entfliehen, suchten immer wieder Einzelpersonen und Familien in den wohlhabenden Niederlanden oder in Friesland eine neue Existenz.
Diese Auswanderung endete aber nach dem Dreißigjährigen Krieg, da durch Kriegseinwirkungen sowie durch Missernten und Seuchen die hiesige Bevölkerung stark dezimiert war.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte Nordwestdeutschland eine erneute Abwanderung in bisher nicht gekanntem Ausmaß.
Im Oldenburger Münsterland, wo das Ältestenerbenrecht herrschte, hatte die Entstehung des Heuerleutewesens auch den nicht erbberechtigten Bauernkindern zunächst noch die Möglichkeit einer bescheidenen Existenzgründung in der Heimat geboten.
Als aber durch stete Bevölkerungsvermehrung und durch Preisverfall der Ernteerträge die Schwierigkeiten zu Hause immer drückender wurden, suchte man der Not sowie auch dem drohenden Militärdienst zu entgehen, indem man dem längst praktizierten Beispiel vieler Süddeutscher folgte und nach Nordamerika auswanderte. Es kursierten allerhand Briefe und schwärmerische Berichte, die das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in den verlockendsten Tönen priesen.
Wegen der traurigen Lage der hiesigen Heuerleute kann es eine zeitgenössische Quelle „diesen armen Menschen nicht verargen, wenn sie den günstigen Nachrichten aus Nordamerika trauen, die Beschwerden der Überfahrt und der ersten Ansiedlung gering achten oder ganz verkennen, ihre geliebte Heimat, Angehörige, gewohntes Leben und alles, was ihnen hier wert sein mag, verlassen, um jenseits des Meeres eine andere und, wie sie hoffen, bessere Heimat wiederzufinden“.
Die Zahl der Auswanderer war beträchtlich. Beispielsweise zählte man aus den drei Gemeinden Damme, Neuenkirchen und Holdorf, die gut 10000 Einwohner hatten, etwa 8000 Auswanderer. 95 Prozent der statistisch erfassten Auswanderer zog es in die Vereinigten Staaten. Dort ließen sie sich häufig in geschlossenen Siedlungen nieder, die in ihrer Struktur den heimischen Dörfern entsprachen.
Der Schwerpunkt der deutschen Siedlungen liegt dabei im amerikanischen Mittelwesten. Die dortige Landkarte offenbart noch heute vertraute Ortsnamen wie Bremen, Hannover, Oldenburg, New Minden, Westfalia usw., die an die ursprüngliche Heimat in Europa erinnern.

Initiator der Auswanderung aus Südoldenburg war der ehemalige Lehrer und Buchbinder Franz Joseph Stallo aus Damme, der 1831 mit seiner Familie auswanderte und sich zunächst in Cincinnati niederließ. In zahlreichen Briefen warb er für die Auswanderung und erreichte auch, daß schon 1832 die erste Gruppe aus dem Raum Damme in Cincinnati eintraf. Hier organisierte Stallo 150 Kilometer weiter nördlich im Staat Ohio die Gründung einer deutschen Ansiedlung, die man anfangs Stallotown, später Minster nannte. Dieser Ort wurde in den nächsten Jahren Ziel vieler Auswanderer aus Damme.

Bremerhaven-18491846 verließ auch die Familie Hermann Heinrich Tegenkamp aus Bahlen (Gemeinde Dinklage) mit vier Kindern die Heimat. Der persönliche Besitz, soweit er nicht mitgenommen werden konnte, wurde verkauft. Der Reiseweg ging über Vechta, Wildeshausen und Delmenhorst nach Bremen. Über einen Agenten war die Schiffspassage vorbestellt. Mit einem Weserkahn ging es zunächst bis Bremerhaven, wo man in einen Überseesegler umstieg.
„Die 128 Emigranten füllten mit ihrer Habe das kleine Schiff zum Erdrücken, aber fröhlicher Mut herrschte an Bord, denn es ging ja jetzt nach Amerika.“

Im Jahre 1846 verließen Bremerhaven 231 Schiffe mit 31.607 Passagieren nach Nordamerika. Drei weitere Schiffe gingen nach Australien, zwei nach Südamerika. Die Überfahrt über den Atlantik dauerte etwa 52 Tage. Die ungewohnte Schiffskost, mangelnde Sauberkeit, drangvolle Enge, stürmische Witterung und Seekrankheit machten die Reise zu einem beschwerlichen Abenteuer.
New-Orleans-1850Bevorzugter Zielhafen in Nordamerika war New Orleans an der Mündung des Missisippi. Von dort ging es flußaufwärts mit dem Dampfschiff bis St. Louis und weiter über den Ohio bis Cincinnati, dem Ziel der meisten deutschen Auswanderer. Bis zum Bau der ersten Eisenbahnlinien in den 1850er Jahren war der Wasserweg die bequemste Reiseroute. Später landeten die Einwanderer meist in den Hafenstädten der amerikanischen Ostküste und setzten von hier aus die Reise mit der Eisenbahn fort.
Cincinnati blieb über Jahrzehnte das erste Ziel deutscher Auswanderer. Viele hatten gerade die Überfahrt bezahlen können und ließen sich für einige Zeit hier nieder, um Geld zu verdienen, mit dem sie später eigenes Land erwerben wollten.

Die Familie Tegenkamp hatte indessen in St. Louis das Dampfschiff verlassen und sich einer Familie Cohorst aus dem heimatlichen Nachbarort Schwege bei Dinklage angeschlossen, um gemeinsam auf dem Landwege etwa 150 Kilometer nach Osten bis zur deutschen Ansiedlung Teutopolis zu reisen, wo sie im November 1846 eintrafen.

Teutopolis, noch heute „de dütske Stadt“ genannt mit etwa 1200 Einwohnern, war 1839 von südoldenburgischen Siedlern gegründet worden.
Das Überwiegend mit Urwald bedeckte Land mußte zunächst gerodet werden. Man lebte anfänglich sehr bescheiden in Blockhütten. Doch eine Schilderung aus dem Jahre 1842 besagt: „Die Ordnungs liebe, die Sparsamkeit und der Fleiß der hiesigen Farmer wird Teutopolis bald zu einem angenehmen und vergnügten Wohnplatz umgestalten.“
In der Regel erwarb jeder Siedler 40 Acre Land, was etwa 16 Hektar entsprach. Eine schon 1840 erbaute schlichte Kirche wurde bereits um 1854 durch einen größeren Neubau ersetzt. 1858 erhielt Teutopolis das erste Franziskanerkloster in den USA, gegründet als Missionsstation von neun Ordensleuten aus Warendorf.
Bis zum Ersten Weltkrieg war das Plattdeutsche in Teutopolis die Umgangssprache, auch in den Schulen wurde bis dahin nur Deutsch gesprochen.

Die Familie Tegenkamp siedelte sich in der Nähe von Teutopolis, in Green Creek, Illinois an und konnte bis 1852 insgesamt 280 Acre (112 Hektar) eigenes Land erwerben, das zunächst unter Strapazen mühsam urbar gemacht werden mußte.
Als der Familienvater Hermann Heinrich Tegenkamp 1891 im Alter von 86 Jahren starb, hinterließ er seinen sechs Söhnen eine stattliche Farm. Deren Nachkommen leben noch dort und in einer deutschen Siedlung in Kanada.

*Im Mai 1872 wanderte der Landarbeiter Johann-Herm-Hinrich Honkomp(19) aus Brockdorf/Lohne aus. Vermutlich aufgrund günstiger Informationen, ist ihm sein Bruder Bernd-Hinrich Honkomp(24) im Mai 1873 gefolgt.
Sie hatten eine etwas einfachere Anreise, da die „Geestebahn“ 1862 fertiggestellt war. Bis dahin geschah die Weiterbeförderung von Bremen zu den in Bremerhaven ankernden Seeschiffen auf kleinen, oft unzumutbar Überfüllten Weserkähnen und dauerte bis zu drei Tagen. Auch die Seereise war mit 14 Tagen viel kürzer und komfortabeler, da nunmehr bereits dampfgetriebene Schiffe mit Hilfsbesegelung im Einsatz waren, und ein regelmäßiger Liniendienst des Nordeutschen Lloyd durchgeführt wurde.
Bremerhaven-1890Die Brüder Johann und Bernd fuhren beide mit der „LEIPZIG“, mit etwa 850 weiteren Auswanderern als „Zwischendeck-Passagiere“ nach Baltimore. Von hier gab es inzwischen eine Eisenbahnverbindung nach St.Louis am Missisippi, dem „Tor zum Westen“.
Nach einem Zwischenaufenthalt in Pennsylvania konnten sie in St.Louis Fuß fassen. Dort hatten sie in der Nähe von St.Louis,in Clinton County/Illinois, Farmland gepachtet.
Im März 1880 holten sie ihre Eltern Bernd-Henrich Honkomp(61) und Anna-Margaretha(63) geb. Wilberding, Heuerleute bei Willenborg in Brockdorf/Lohne nach. 1886 zog ihr Sohn Berhard mit ihnen dann weiter nach Florrisant am Missouri, heute ein Vorort von St-Louis. Dort sind sie im Alter von 75 und 84 Jahren verstorben und auf dem „Sacret Heart“ Friedhof begraben worden.

Die jährliche Auswanderungsrate hatte 1877 mit etwa 30.000 Personen einen Tiefpunkt erreicht. 1880 waren es dann wieder 85.000, und stieg im Jahre 1882 mit 250.000 Personen auf den absoluten Höhepunkt.

Johann Honkomp hatte auf der Schiffsreise im Mai 1872 Angelina(Lena) Knelange(20) aus Crapendorf(Cloppenburg) kennengelernt. Ihre Schwester Caroline Knelange(21) ist ihr im Juni 1882 mit zwei weiteren Schwestern gefolgt.
Honkomp-Knelange-FamilyJohann Honkomp und Angelina Knelange haben am 09.11.1875 in St.Louis in der katholischen St.Liborius Kirche geheiratet. Bernd Honkomp und Caroline Knelange haben am 09.11.1882 in St.Louis County/Missouri geheiratet.
Johann und Angelina sind mit ihren 8 Kindern in St.Louis geblieben, die zahlreichen Nachkommen haben dort ihre Spuren hinterlassen.
Bernd und Caroline sind mit ihren 6 Kindern 1906 nach Wichita-Falls in Texas weitergezogen, weil die Luft am Missisippi zu feucht war. Sie kauften dort Farmland und gründeten zusammen mit anderen Siedlern eine katholische Kirchengemeinde.
Seitdem ist der Name Honkomp auch in Texas vielfach vertreten.

In einer amerikanischen Dokumentation der Familie Honkomp/Knelange wird bei der Familie Bernhard Honkomp ein Kostgänger „Henry Tagenkamp, 65 years old, from Germany“ erwähnt und als Nachlaß ein Gebetbuch von ihm verwahrt.
Franz-Josef Tegenkamp -in dessen Besitz inzwischen das Gebetbuch ist- ist davon Überzeugt, daß dieser „Tagenkamp“ sein Ur-Groß-Onkel ist, der 1868 ausgewandert ist.

Weitere Honkomp’s, deren Ursprung in Steinfeld liegt, leben heute u.a. in Cincinnati/Ohio, Iowa und Minneapolis/Minnesota mit jeweils einer eigenen Auswanderungsgeschichte.
Insgesamt werden heute in den USA über 120 Familien mit dem Namen Honkomp gezählt, mehr als in Deutschland.

Durch die Forschungen haben die Tegenkamp’s und Honkomp’s die Verbindung zur südoldenburgischen Heimat wiedergefunden.